Gute Gesellschaft: Vom Glück, einen Stammplatz zu haben

by Marieke Hoppe
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Credit: Patty Zavala via Unsplash

Die Forschung zu langen, gesunden Leben landet immer wieder bei einer einfachen Freude: einem Tisch, an dem es immer ein Plätzchen für uns gibt. Über die kleinen Rituale, die solche Orte schaffen, und darüber, wie man sie bewahrt.

Die meisten von uns kennen einen Tisch, an dem immer ein Plätzchen für uns frei ist. Vielleicht ist es der Küchentisch, an dem sich seit mehr Sonntagen, als irgendwer zählen mag, dieselben vier Menschen treffen. Oder die Ecke in einem Lissabonner Café, die im Haus längst niemand mehr reserviert, weil ohnehin alle wissen, wer dort sitzt. Wer zu spät kommt, findet sein Glas schon eingeschenkt. Mit Gesundheit hat man das bisher nicht in  Verbindung gebracht. Es begann einfach, weil jemand gefragt und jemand anderes Ja gesagt hat, und dann ging es einfach immer so weiter. Mit der Zeit wird aus einer solchen Gewohnheit ein Ritual. Ausgelöst wird es oft von etwas erstaunlich Nüchternem: einem festen Tag und einer vertrauten Uhrzeit, die allen die wöchentliche Entscheidung ersparen, ob man sich die Mühe macht. Über die Jahre wird diese Zusammenkunft eine eigene Geschichte. Eine Freundin zieht weg und kommt trotzdem, wann immer sie in der Stadt ist. Jemand, den man einmal mitgebracht hat, gehört plötzlich dazu. Vielleicht gibt es einen Winter, in dem alles ruht, und irgendwann geht es ohne große Absprache weiter. Solche Rituale fallen kaum auf. In ihnen finden die Gespräche Platz, für die es sonst keinen Ort gibt, der halbfertige Plan etwa oder das Buch, über das man mit jemandem streiten möchte, der es wirklich gelesen hat. Und sie gehören, wie sich nun zeigt, zu den beständigeren Befunden der Forschung über gesundes Altern.

Der größere Rahmen ist erfreulicher, als er klingt. In einem Arbeitspapier, das das amerikanische National Bureau of Economic Research im Juni veröffentlicht hat, verglichen die Ökonomen Liran Einav und Amy Finkelstein Daten der staatlichen Krankenversicherung Medicare aus den Jahren 1993 und 2017. Nach ihrer Auswertung waren die 2,4 Jahre Lebenserwartung, die Menschen mit 66 in diesem Zeitraum hinzugewonnen haben, gesunde Jahre, frei von ernsthaften körperlichen oder geistigen Einschränkungen. Das Papier sich gut neben einer Studie der Yale School of Public Health ein, die im März in der Fachzeitschrift Geriatrics erschien. Ein Team um Becca Levy begleitete mehr als 11.000 Amerikanerinnen und Amerikaner über 65 bis zu zwölf Jahre lang. Von ihnen verbesserten sich 45 Prozent im Lauf der Zeit in ihrer geistigen Leistungsfähigkeit, ihrer Gehgeschwindigkeit oder in beidem. Wer ein positives Bild vom Älterwerden hatte, gehörte eher dazu. Vor diesem Hintergrund ist die soziale Seite der Gesundheit von der freundlichen Randnotiz zum Gegenstand großer, sorgfältiger Studien geworden. Die Kommission für soziale Verbundenheit der Weltgesundheitsorganisation schätzte im vergangenen Jahr, dass sich weltweit etwa jeder sechste Mensch einsam fühlt, und brachte Einsamkeit mit rund 871.000 Todesfällen pro Jahr in Verbindung. Das sind Modellrechnungen für die ganze Welt, über ein einzelnes Leben sagen sie wenig. Sie zeigen aber, dass Verbundenheit heute mit dem Ernst untersucht wird, der früher Blutdruck und Bewegung vorbehalten war.

Wie nah, wie oft

Hier werden die Befunde spannender und ein wenig unordentlicher. Im Juni veröffentlichte das Journal of Personality and Social Psychology eine koordinierte Auswertung unter der Leitung von Tomiko Yoneda von der University of California, Davis. Sie stützt sich auf elf Langzeitstudien mit 175.070 Erwachsenen aus 18 Ländern und trennt zwei Dinge, die leicht verschwimmen: wie oft Menschen Kontakt zu anderen hatten und wie verbunden sie sich fühlten. Das Gefühl von Einsamkeit sagte einen Übergang zu kognitiven Beeinträchtigungen und ein kürzeres Leben voraus, auch nachdem die Häufigkeit der Kontakte berücksichtigt war. Die Kontakthäufigkeit allein zeigte keinen durchgängigen Zusammenhang mit der geistigen Leistungsfähigkeit. Das Gefühl hat also ein eigenes Gewicht. Es wäre bequem, hier aufzuhören, bei der tröstlichen Vorstellung, die äußere Gestalt eines sozialen Lebens spiele kaum eine Rolle, solange die Nähe echt ist. Die Datenlage erlaubt das nicht ganz. Eine Studie in Nature Communications vom Januar, verfasst von Daisy Fancourt, Andrew Steptoe und Mikaela Bloomberg am University College London, begleitete 7.047 Menschen der English Longitudinal Study of Ageing. Allein zu leben, weniger ins Gemeinschaftsleben eingebunden zu sein und weniger Unterstützung zu haben, ging jeweils mit schnellerem physiologischem Altern einher. Die bislang größte Meta-Analyse zum Thema, 90 Kohortenstudien mit 2,2 Millionen Teilnehmenden, 2023 in Nature Human Behaviour erschienen, fand für objektive Isolation ein etwas höheres Sterberisiko als für Einsamkeit. Schon 2010 hatte eine Übersichtsarbeit unter Leitung von Julianne Holt-Lunstad von der Brigham Young University 148 Studien mit mehr als 300.000 Menschen zusammengeführt. Wer stärkere soziale Beziehungen hatte, gemessen an der Größe des eigenen Netzes und an der Unterstützung, die es bot, hatte eine um 50 Prozent höhere Überlebenswahrscheinlichkeit. Beides gilt zugleich. Wie nah wir uns fühlen, ist ein Maß. Die praktische Architektur einer Woche, wer in der Nähe ist und wie oft, ist ein weiteres. Meist bewegen sich beide gemeinsam, und so rückt eine nützlichere Frage in den Blick: Was hält die richtigen Menschen in unserer Nähe, Monat für Monat, ohne dass jemand jedes Mal von vorn anfangen muss?

Liest man die Forschung genauer, jenseits der Schlagzeilen, beschreibt sie auffallend oft, was die Alltagssprache ein Ritual nennen würde: Zusammenkünfte, die wiederkehren.

Die Studie LatAm-FINGERS, im Juli in The Lancet erschienen, schloss 1.065 Erwachsene mit erhöhtem Risiko für kognitiven Abbau in elf lateinamerikanischen Ländern ein. Über zwei Jahre brachte ein strukturiertes Programm aus Bewegung, Ernährung, kognitivem Training und sozialer Teilhabe größere Fortschritte in der geistigen Leistungsfähigkeit als eine lockerere Gesundheitsberatung. Dieses Programm kam auch zusammen, wieder und wieder. Es umfasste 38 Gruppentreffen, die zum Teil ausdrücklich der sozialen Verbindung dienen sollten, und Bewegungskurse mit Salsa und Tango, manchmal in öffentlichen Parks. Weil alles als ein Paket getestet wurde, lässt sich nicht sagen, wie viel das Tanzen für sich genommen beigetragen hat. Die Anlage der Studie zeigt aber, dass ihre Urheber das regelmäßige Zusammenkommen als Teil der Behandlung verstanden. Auch andere feste Verpflichtungen folgen einem verwandten Muster. Forschende der Texas State University begleiteten mit Daten der Health and Retirement Study 2.605 Amerikanerinnen und Amerikaner und berichteten in Social Science & Medicine, dass freiwilliges Engagement, sowohl unter 50 Stunden im Jahr als auch über 200, zwei Jahre später mit langsamerem epigenetischem Altern einherging, am deutlichsten bei Menschen, die bereits im Ruhestand waren. Wie die meisten Befunde auf diesem Feld ist das ein Zusammenhang, und wer sich engagiert, unterscheidet sich womöglich auch in anderem. Es passt dennoch zu dem Gedanken, dass ein regelmäßiger Grund, mit anderen irgendwo zu sein, Spuren hinterlässt. Wiederkehr bedeutet dabei keine ständige Gesellschaft. Netta Weinstein von der University of Reading bat mit Kolleginnen und Kollegen 178 Erwachsene, drei Wochen lang täglich Buch zu führen, und veröffentlichte die Ergebnisse in Scientific Reports. An Tagen mit mehr Zeit allein fühlten sich die Teilnehmenden einsamer und etwas weniger zufrieden, zugleich aber weniger gestresst und selbstbestimmter. War das Alleinsein selbst gewählt, fielen die Nachteile schwächer aus und summierten sich nicht von Tag zu Tag. Die Stichprobe war klein und nicht auf die späteren Lebensjahre ausgerichtet. Vertraut ist das Muster trotzdem allen, die sich einen Vormittag mit einem Buch freihalten oder einen Spaziergang, bei dem nicht gesprochen wird. Zeit allein und Zeit mit anderen scheinen als Rhythmus zu wirken, und die eine macht die andere leichter zu genießen.

Warum sollte etwas so Alltägliches wie Gesellschaft in einer Blutprobe sichtbar werden?

Eine Studie in Nature Human Behaviour von Forschenden der Fudan-Universität und der University of Cambridge, 2025 erschienen, maß knapp 3.000 Plasmaproteine bei 42.062 Teilnehmenden der UK Biobank. Isolation und Einsamkeit hingen mit Proteinen zusammen, die an Entzündung und Immunabwehr beteiligt sind. Ein genetisches Verfahren, die Mendelsche Randomisierung, deutete bei fünf davon auf einen wahrscheinlich ursächlichen Einfluss der Einsamkeit hin. Viele dieser Proteine sagten ihrerseits Herzerkrankungen, Schlaganfall, Diabetes und Tod über rund vierzehn Jahre voraus. Das ist ein einzelner Befundstrang, und er gibt einer alten Beobachtung einen plausiblen biologischen Weg. Auch der Tisch selbst ist zum Forschungsgegenstand geworden. Jan-Emmanuel De Neve, der an der University of Oxford zu Wohlbefinden forscht, hat herausgefunden, dass die Häufigkeit gemeinsamer Mahlzeiten ungefähr so eng mit der Lebenszufriedenheit zusammenhängt wie Einkommen oder Erwerbsstatus, wie BBC Future im August berichtete. Er weist selbst darauf hin, dass gemeinsame Mahlzeiten womöglich auch für das soziale Leben insgesamt stehen. Wer nach einem langen Mittagessen in der Emilia-Romagna noch bei einem zweiten Espresso sitzen geblieben ist, ahnt, dass die Mahlzeit etwas Eigenes trägt. Im Kompagnon wie im Kumpan steckt übrigens noch das lateinische panis, das Brot. Gemeint war ursprünglich der, mit dem man es teilt. Qualität zeigt sich auch in kleineren, näheren Studien. Robert Waldinger und Marc Schulz von der Harvard Study of Adult Development baten einmal 47 Paare in ihren Achtzigern, acht Tage lang Tagebuch zu führen. An Tagen mit stärkeren Schmerzen blieb die Stimmung bei denen stabil, die in einer glücklichen Ehe lebten. Mehr Stunden in der Gesellschaft anderer boten diesen Halt nicht. Nicht jede Studie weist in dieselbe Richtung, und ein redlicher Bericht sagt das auch. Eine Auswertung von 10.217 Menschen zwischen 65 und 94 Jahren aus zwölf europäischen Ländern, in diesem Frühjahr in Aging & Mental Health erschienen, kam zu einem nüchternen Ergebnis. Wer einsamer war, begann mit schwächeren Gedächtniswerten, doch das Gedächtnis ließ in den folgenden Jahren nicht schneller nach. Zumindest beim Gedächtnis ging Einsamkeit also mit einem niedrigeren Ausgangspunkt einher, ohne den Abbau zu beschleunigen. Die meisten Befunde auf diesem Feld beruhen auf Beobachtung, und Ursache und Wirkung können in beide Richtungen laufen.

Der Garten vor den Mauern Athens

Um 306 vor Christus kaufte Epikur ein Haus mit Garten vor den Mauern Athens und lebte dort mit einem Kreis von Freunden und Schülern, der – für seine Zeit ungewöhnlich – auch Frauen und Sklaven offenstand. In Erinnerung geblieben ist er oft als Philosoph des Genusses im Übermaß, was mehr über seinen späteren Ruf sagt als über seine Lehre. Von allem, was die Weisheit für ein glückliches Leben bereithält, hielt er die Freundschaft für das bei Weitem Wichtigste. Der Garten war diese Überzeugung in gelebter Form: dieselben Menschen, einfache Mahlzeiten, lange Gespräche und die Gewohnheit, wiederzukommen. Dreiundzwanzig Jahrhunderte später sind die Studien größer und ihre Sprache vorsichtiger. Die Form, die sie beschreiben, hätte ihn kaum überrascht. Nichts davon verlangt nach einem Programm. Eher lädt es zu einer stilleren Bestandsaufnahme ein: Welche Rituale eines Monats fänden auch dann statt, wenn niemand sie je wieder organisieren müsste? Für manche ist es ein festes Mittagessen, für andere der Chor am Dienstagabend, ein Spaziergang, der zur Gewohnheit geworden ist, oder eine Sauna am Wasser in Oslo, in der jede Woche dieselben Gesichter auftauchen. Oft gibt es auch eine Einladung, die noch nicht verschickt ist. In Kopenhagen serviert das Folkehuset Absalon, eine ehemalige Kirche in Vesterbro, jeden Abend um sechs ein Essen an langen Tischen, und ein Tisch bleibt frei für alle, die ohne Ticket vorbeikommen. Die Forschung wird ihre Schätzungen weiter verfeinern, und manche Zahl von heute wird sich verschieben. Der Tisch lässt sich derweil nächste Woche zur selben Stunde wieder decken, mit einem Stuhl, der frei bleibt für die Menschen, die wir dazu bitten.

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