Nie ganz allein. Warum schöpferische Arbeit selten in Einsamkeit entsteht.

by Marieke Hoppe
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Credit: Frankie Cordoba via Unsplash

Ein Sohn an der Leinwand, ein Freund seit Studientagen, ein Chor, der nach einem Verlust weitersingt. Über die Menschen im Hintergrund, ohne die vieles nicht weiterginge.

Das Bild vom einsamen Schöpfer hält sich hartnäckig: der Dichter in der Dachkammer, die Malerin, die tagelang niemanden sieht, der Komponist, der um Mitternacht noch am Flügel sitzt. Es ist ein schönes Bild, und ganz falsch ist es nicht. Am Ende sitzt jemand allein vor dem leeren Blatt. Wer aber Menschen zuhört, die seit Jahrzehnten malen, schreiben oder singen, hört bald eine andere Geschichte. Fast immer ist da noch jemand, und dieser Jemand leistet mehr als Gesellschaft.

Frank Bowling zum Beispiel. Der Maler steht seit sieben Jahrzehnten im Atelier, inzwischen arbeitet er vom Rollstuhl aus. In seinem Londoner Studio steht sein Sohn Ben vor der Leinwand und sprüht die Farbe dorthin, wo der Vater sie haben will. Das Bild entsteht im Kopf des einen und durch die Hand des anderen. Man könnte darin einen Verlust sehen. Man kann aber auch sehen, wie ein Werk weiterwächst, weil einer seine Hände leiht, wo die eigenen nicht mehr hinreichen.

Nicht jede Hilfe kommt so behutsam daher. Thom Yorke und Stanley Donwood kennen sich seit dem Kunststudium in Exeter, und seit „The Bends“ gestalten sie gemeinsam jedes Cover von Radiohead. Wenn die beiden von ihrer Arbeit erzählen, ist von Eintracht wenig die Rede. Sie probieren und verwerfen, sie produzieren jede Menge Unsinn, bis endlich etwas steht, und oft genug kassiert einer die Idee des anderen. Nach dreißig Jahren bringen sie sich trotzdem noch zum Lachen. Wer allein arbeitet, muss sich selbst widersprechen, und das gelingt den wenigsten. Ein Gegenüber, dem man vertraut und das trotzdem Nein sagt, ist ein Geschenk, auch wenn es sich im Moment selten so anfühlt.

Noch enger wird es, wenn zwei Menschen am selben Text sitzen. Anne Lamott, die Autorin von „Bird by Bird“, hat mit ihrem Mann Neal Allen ein Buch über gute Sätze geschrieben. Bei einer solchen Arbeit lässt sich irgendwann nicht mehr sagen, wem welche Formulierung gehört, und irgendwann ist es auch nicht mehr wichtig. Das Buch gehört beiden und keinem ganz.

Manchmal ist der wichtigste Mensch einer, der am Werk selbst nie mitarbeitet. Malcolm Gladwell erzählt in seinem Essay über Spätzünder im „New Yorker“ von Ben Fountain. Fountain verließ die Kanzlei, um Erzählungen zu schreiben, und hatte lange wenig vorzuweisen. Getragen hat ihn in diesen Jahren seine Frau Sharie. Manche Arbeit braucht Zeit, viel Zeit, und über weite Strecken sieht sie nach gar nichts aus. Dann braucht es jemanden, der trotzdem an sie glaubt. In Danksagungen kommt diese Art von Beistand selten vor, dabei hängt an ihr womöglich mehr, als man ahnt.

Ein Einzelner kann an jemanden glauben. Eine Gruppe kann etwas anderes: Sie rechnet mit einem. Der amerikanische Psychiater Gene Cohen begleitete Anfang der 2000er-Jahre einen Chor, den Berufsmusiker leiteten, und stellte ihm eine Vergleichsgruppe gegenüber. Nach einem Jahr gingen die Sängerinnen und Sänger nach eigenen Angaben seltener zum Arzt, fühlten sich weniger einsam und waren aktiver als die anderen. Eine große, streng kontrollierte Studie war das nicht. Sie beschreibt aber etwas, das jeder kennt, der je in einem Chor, einer Schreibgruppe oder einer Werkstatt war. Man wächst an dem, was schwerfällt, und man bleibt dabei, weil am Dienstag jemand fragt, wo man war.

Wer lange gemeinsam singt, muss auch Abschied nehmen. Der Chor Young@Heart aus Northampton in Massachusetts verlor zwei seiner Sänger in den Wochen vor einem Konzert, das ein Filmteam begleitete. Fred Knittle hatte „Fix You“ als Duett geprobt, mit Bob Salvini, einem der beiden. An jenem Abend stand er allein auf der Bühne, den Sauerstoffschlauch unter der Nase, und sang das Lied trotzdem. Danach ging das Programm weiter. Den Schmerz konnte ihm der Chor nicht nehmen, aber er gab ihm einen Grund aufzustehen.

Niemand muss in Gesellschaft arbeiten. David Gentleman sitzt seit einem halben Jahrhundert im selben Atelier in Camden, und sein Rat klingt fast trotzig schlicht: jeden Tag arbeiten, auch im Urlaub. Manchem genügt die Gewohnheit als Begleiterin. Und wer glaubt, für einen Neuanfang sei es zu spät, kann bei Sue Kreitzman nachlesen, wie eine Food-Autorin nach vielen Jahren zur Künstlerin wurde.

Liest man die Stücke dieser Sammlung nebeneinander, fällt etwas auf, das leicht zu übersehen ist. Die anderen machen die Arbeit fast nie selbst, aber sie sorgen dafür, dass sie weitergeht. Vielleicht lautet die wichtigste Frage deshalb nicht, wie man disziplinierter wird, ob man gerade anfängt oder schon lange dabei ist. Wichtiger ist, wer mit am Tisch sitzt an den Morgen, an denen nichts gelingen will.

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