Shai Hoffmann: Warum wir den Dialog jetzt dringender brauchen denn je

von Andrea Bury
The image depicts a man holding a microphone, dressed in a formal attire. * The man is attired in a dark blue suit jacket with a notched lapel. * He wears a light blue dress shirt underneath the jacket. * A red bow tie adds a pop of color to his outfit. * In his right hand, he grasps a black microphone with a silver grille and windscreen. * The microphone is positioned in front of his mouth, suggesting that he is about to speak or sing. The overall impression from the image is that the man is preparing to deliver a speech or performance. The image depicts a man holding a microphone, dressed in a formal attire. * The man is attired in a dark blue suit jacket with a notched lapel. * He wears a light blue dress shirt underneath the jacket. * A red bow tie adds a pop of color to his outfit. * In his right hand, he grasps a black microphone with a silver grille and windscreen. * The microphone is positioned in front of his mouth, suggesting that he is about to speak or sing. The overall impression from the image is that the man is preparing to deliver a speech or performance.

© Shai Hoffmann

In einer Zeit, in der Konflikte oft in Schwarz-Weiß-Kategorien gedacht werden und Debatten von Emotionalität und Lagerdenken geprägt sind, ist der Dialog ein seltenes Gut geworden. Doch genau an dieser Stelle setzt Shai Hoffmann an. Mit seinem Projekt Trialog schafft er Räume für Begegnung und Verständigung zwischen jüdisch-israelischen und palästinensischen Perspektiven – insbesondere dort, wo es am meisten gebraucht wird: in Schulen.

Sein Weg dorthin war alles andere als vorgezeichnet. Vom Schauspieler über den Crowdfunding-Experten bis hin zum Sozialunternehmer – Hoffmann nutzt all seine Erfahrungen, um Projekte zu initiieren, die Sichtbarkeit erzeugen, Aufmerksamkeit schaffen und echten gesellschaftlichen Wandel ermöglichen. „Wenn ich eine Idee habe, reicht es nicht, sie einfach nur zu haben“, sagt er. „Ich muss auch die Presse- und Bildebene mitdenken, um ihr Gehör zu verschaffen.“

Wie also entstand Trialog? Welche Erfahrungen macht er an den Schulen? Und was können wir aus diesen Begegnungen lernen? Ein Gespräch über Brückenbau, Herausforderungen und die Hoffnung auf eine respektvollere Debattenkultur.

A man speaking into a microphone gives a high five to a young boy, both smiling, in front of a colorful banner that promotes democratic engagement.

© Shai Hoffmann

Shai, war der 7. Oktober 2023 der Auslöser für das Projekt Trialog?

Der Angriff der Hamas auf Israel hat vieles verändert. Doch schon vorher hatten wir an pädagogischen Materialien und Videos gearbeitet, um interkulturelle Verständigung zu fördern. Nach dem 7. Oktober haben wir uns gefragt: Was können wir zusätzlich anbieten – gerade angesichts der extrem emotionalisierten Stimmung in Schulen und Lehrerzimmern? So entstand die Idee des Trialogs zwischen jüdischen Israelis und Palästinenser:innen. Am 25. Oktober 2023 fand das erste Gespräch in einer Schule statt. Seitdem sind wir ununterbrochen unterwegs – und mittlerweile sind es nicht nur wir selbst, sondern auch unsere Dialogpartner:innen, die diese Gespräche weiterführen.

Was für Schüler:innen trefft ihr in den Schulen?

Die Gruppen sind sehr unterschiedlich. Es gibt Jugendliche, die durch Familie oder Religion einen engen Bezug zum Nahostkonflikt haben und sich intensiv damit beschäftigen. Andere fühlen sich davon völlig überfordert und sind genervt von der Erwartung, eine klare Position beziehen zu müssen. Und dann gibt es diejenigen, die bereits eine sehr gefestigte Meinung haben – oft stark emotionalisiert, manchmal kaum zugänglich für andere Perspektiven.

Aber wir erleben auch Überraschungen: Viele Schüler:innen sagen nach den Gesprächen, sie hätten nicht erwartet, dass ein Jude auch für Palästinenser:innen eintritt und eine Palästinenserin sich für jüdische Kultur interessiert. Solche Aha-Momente sind für uns ein Zeichen, dass der Trialog genau das Richtige ist.

Gibt es etwas, das euch besonders besorgt?

Ja. Wir dürfen nicht unterschätzen, welchen Einfluss Social Media auf die Meinungsbildung junger Menschen hat. Dort herrschen oft extreme, einseitige Narrative. Das verstärkt Radikalisierungstendenzen und macht es schwer, überhaupt noch in einen offenen Dialog zu kommen.

Außerdem spüren wir, dass die lange Zeit der De-Thematisierung des Nahostkonflikts in Schulen jetzt zu einem großen Problem wird. Weil viele Lehrkräfte das Thema aus Unsicherheit umgangen haben, gibt es große Lücken im Wissen der Schüler:innen – und das schafft Raum für Vorurteile und Vereinfachungen.

Wie können wir eine bessere Debattenkultur fördern?

Wir würden uns wünschen, dass Menschen Betroffenen mehr zuhören und ihre eigenen Befindlichkeiten manchmal zurückstellen. Sich selbst fragen: Wo habe ich blinde Flecken? Welche Narrative habe ich unreflektiert übernommen?

Wenn mehr Menschen bereit wären, ihre eigenen Positionen kritisch zu hinterfragen, hätten wir eine Debatte, die viel ruhiger, gelassener und respektvoller wäre.

Welche Rolle spielen Lehrkräfte in diesem Prozess?

Eine enorme. Multiplikator:innen in der Bildung – also Lehrer:innen und Sozialpädagog:innen – sind der Schlüssel zu den Kindern. Sie müssen sich sicher fühlen, solche Gespräche zu führen. Deshalb bieten wir auch Fortbildungsmaßnahmen für sie an. Denn nur wenn Lehrkräfte kompetent sind, können sie den Schüler:innen helfen, sich eine fundierte Meinung zu bilden.

„Wenn wir nicht sprechen, verlieren wir uns.“

Shai Hoffmann zeigt mit Trialog, dass es sich lohnt, auch schwierige Gespräche zu führen. Gerade in einer Zeit, in der Polarisierung zunimmt, brauchen wir Formate, die Begegnungen ermöglichen.

Sein Ansatz ist dabei nicht, Konflikte zu lösen – sondern sie auszuhalten. Sich nicht mit einfachen Antworten zufriedenzugeben. Den Raum für Nuancen zu öffnen.

Denn eines steht für ihn fest: „Wenn wir nicht sprechen, verlieren wir uns.“

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